Verena Randolf – Freelance Journalistin


“Österreich hat den Oscar nicht nötig”
30/03/2009, 22:22
Abgelegt unter: 2. Götz Spielmann, Veröffentlicht

Götz Spielmann über Liebe, Erfolgsdruck und seinen Wunsch einen „schiachen, faden Film” zu machen.

Stress und leichte Anzeichen von Erschöpfung sind dem Oscar nominierten Regisseur deutlich ins Gesicht geschrieben. Zwei Tage vor seiner Abreise nach L.A., wo am 22. Februar die diesjährigen Oscars verliehen werden, strahlt der gebürtige Welser dennoch Ruhe und Gelassenheit aus. Entspannt zurückgelehnt und mit verschränkten Beinen zieht der leidenschaftliche Raucher an seiner selbstgedrehten Zigarette und denkt sorgfältig über seine Wortwahl nach, bevor er antwortet: „Bin ich ein Perfektionist? Weiß ich nicht…ja doch. Ich glaube, man ist auf der Welt, um das, was man macht, möglichst gut zu machen. Und in der Kunst ist es wichtig, dass die Form perfekt ist.”

Revanche, der Film, der unter Spielmanns Regie und nach dessen Drehbuch entstanden ist, ist voll mit gut durchdachten Elementen, die Beweis für die Akribie des Filmemachers sind. Hinter Szenen, die für den Laien vielleicht banal und unspektakulär wirken, liegen lange Arbeit und zentimetergenaue Kamerapositionierungen. Als Bestätigung für den Erfolg seiner Leistung winkt nun der meist begehrte Preis der Filmbranche.

Das Besondere an Revanche: Wenige Schnitte, wenige Großaufnahmen, wenig Bewegung. Und trotz minimaler Anwendung filmischer Hilfsmittel maximale Effekterzielung beim Publikum. Durch die Kraft einfacher Bilder sollen dem Zuschauer die wichtigsten Botschaften unbewusst suggeriert werden, das sei das Ziel seiner Arbeit, meint der 48-Jährige.

Das Ergebnis, so die Prämisse des Filmemachers zu Beginn der Dreharbeiten, sollte „fad und schiach” und damit ehrlich werden. Wenige Effekte führen also zu ehrlichen Filmen? Der Regisseur lacht und schüttelt amüsiert den Kopf: „Nein, das ist jetzt nicht das Spielmann-Dogma. Es kann auch ehrlich sein, wenn man viel schneidet. Aber wenn man filmt, um nicht den größtmöglichen Effekt, sondern die größtmögliche Genauigkeit zu erzielen, das, würde ich sagen, ist ehrlich.”

Ebenso ehrlich wie die filmische Annäherungsweise an Inhalte, sind Spielmanns Protagonisten selbst. Er erzählt von Einwanderern, Prostituierten, alten Bauern. Von Randfiguren der Gesellschaft und deren offensichtlichen Problemen, Wünschen und Träumen. „Bürgerliche Welten hingegen interessieren mich nicht so, weil alles, was problematisch und konfliktträchtig ist, sehr im Verborgenen, Verdrängten passiert. Aufzuzeigen, dass die heile Welt nicht so heil ist, ist für mich nicht spannend.”

Das Attribut „typisch österreichisch” will der Künstler seinen Filmen nicht bedingungslos anheften: „Meine Filme gehen mit dem Land und mit den Menschen mit großer Genauigkeit um, insofern sind sie sehr mit diesem Land verbunden. Andererseits geht es in allen meinen Filmen auch um Konflikte, um menschliches Verhalten, also um Zustände, die nicht österreichisch sondern fundamental menschlich sind. Darum werden meine Filme auch überall in der Welt verstanden.”

Stoff für zwischenmenschliche Konflikte bietet vor allem die Liebe, und die hält Spielmann für spannend genug, um sie als Grundprinzip vieler seiner Erzählungen geltend zu machen. Die harmonische, unkomplizierte, wahre Liebe sucht man in seinen Filmen allerdings vergeblich. Gibt es die seiner Meinung nach nicht? Spielmann lehnt sich zurück, zündet sich noch eine Selbstgedrehte an und denkt nach: „Es gibt sie, aber es gibt sie sehr oft auch nicht. Jemandem, der mir sagt er habe sein ganzes Leben die wahre, harmonische Liebe erfahren, dem glaube ich kein Wort. Das glaube ich nicht und ich habe es auch bei niemandem jemals gesehen.”

Er nimmt sein Glas in die Hand, denkt ein paar Sekunden nach, trinkt einen Schluck Weißwein und ergänzt: „Aber ja, um es ganz simpel zu sagen: Ich glaube letztlich an die Liebe und darum interessiert es mich, woran sie scheitert.”

Auch in den Liebes- und Sexszenen ist es dem Regisseur wichtig, möglichst authentische und stimmige Bilder zu filmen. Der brutale, ehebrecherische Sex einer Supermarktverkäuferin am Esszimmertisch wirkt real, ebenso wie die sexuelle Begegnung einer Prostituierten im Wiener Bordell: Die Schauspieler agieren, als würden sie die Anwesenheit der Kameras und des Filmteams vergessen. „Wichtig für solche Szenen ist es, Schauspieler auszuwählen, die den Ehrgeiz und die Radikalität haben, dass sie das als Schauspieler probieren wollen. Außerdem ist wichtig, dass ihnen klar ist, dass sie Figuren spielen und nicht zeigen, wie sie privat Sex haben und auch dass mir vertrauen.”

Dass das Vertrauen, das in den Regisseur gesetzt wurde, nicht umsonst war, zeigt nach 14 bereits gewonnenen, internationalen Preisen, nicht zuletzt die Oscarnominierung für den besten fremdsprachigen Film. Positiver Nebeneffekt dieser Nominierung sei vor allem die vermehrte Medienresonanz und die daraus resultierende gestiegene Wahrnehmung des heimischen Publikums: „Ich spreche zwar mit allen meinen Filmen ein breites Publikum an, das Publikum reagiert nur nicht darauf, von mir angesprochen zu werden”, bedauert der Filmemacher mit ironischem Lächeln. Die Österreicher, kritisiert Spielmann, seien schwer von heimischen Produktionen zu überzeugen: „In anderen Ländern ist das definitiv anders. Ich glaube, ein Problem in unserem Land ist, dass es ein Land ohne tiefer gehendes Selbstbewusstsein ist. Deswegen gibt es auch so viel primitiven Patriotismus, der immer wieder hervorschwappt. Und weil Österreich ein Land mit geringem Selbstbewusstsein ist, glaubt man auch, die Dinge aus dem eigenen Land haben einen geringen Wert und was den Film betrifft, täuscht man sich vehement.”

Der Oscar als Beweis für die Qualität des heimischen Filmes? Spekulationen rund um Erfolgsdruck, der durch die Nominierung auf seinen Schultern lastet, weist Spielmann energisch zurück: „Es wäre kindisch und vermessen zu glauben der österreichische Film bräuchte einen Oscar, um eine Bestätigung zu erhalten. Das haben wir nicht mehr nötig. Wir sind zu gut, um das nötig zu haben.”

Bereits die Nominierung für den Academy Award sei schon eine große Bestätigung für das Filmland Österreich: „Wir brauchen nicht unbescheiden zu sein. Es ist zuletzt vor 21 Jahren einem Land gelungen, dass es einen Auslands-Oscar gewonnen hat und im nächsten Jahr wieder nominiert wurde.”

Damals schafften das die Dänen. Und die haben auch beim zweiten Mal gewonnen. © Verena Randolf


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